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Life is too short for boring stories

„Hör mal, weißt Du wo meine Muschi ist?“, fragte ich Dich, nachdem ich überall nach ihr gesucht hatte. Bedächtig legtest Du die Zeitung bei Seite, die Du gerade last, und sahst mich grinsend an.

„Weißt Du es denn nicht?“, erwidertest Du, jeglicher Höflichkeit entbehrend, mit einer Gegenfrage.

„Wenn ich es wüsste, würde ich Dich doch wohl kaum fragen“, gab ich zurück, während Dein Grinsen immer breiter wurde und ich mir keinen Reim darauf machen konnte.

„Also ich für meinen Teil hoffe, dass sie dort ist, wo sie immer ist“, erklärtest Du ausweichend.

„Dort habe ich aber schon nachgesehen“, meinte ich, weil ich mir doch langsam Sorgen machte, „Es ist, als wäre sie vom Erdboden verschwunden.“ Das war der Moment, in dem Du in schallendes Gelächter ausbrachst, aber ich fand das gar nicht komisch.

„Ich weiß nicht, was daran so witzig sein soll“, erklärte ich aufgebracht, „Ich mache mir die größten Sorgen, und Du lachst da einfach. Sie ist wie ein Teil von mir. Ich könnte mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Jetzt ist sie verschwunden und Du lachst.“

„Natürlich ist sie ein Teil von Dir, und wirst sehen, sie ist auch da, wo sie hingehört“, meintest Du, als Du das Lachen endlich unter Kontrolle gebracht hattest.

„Aber sie hat doch vorhin erst auf Deinem Schoß gesessen“, versuchte ich einen weiteren Anlauf.

„Ganz bestimmt nicht, das hätte ich doch bemerkt“, sagtest Du, voller Überzeugung.

„Erzähl mir nichts, ich habe es doch gesehen!“, warf ich ein, „Du willst mir doch nicht einreden, dass ich meinen Sinnen nicht mehr trauen könnte.“

„Doch natürlich kannst Du das“, versuchtest Du zu beschwichtigen, „Aber komm einmal her zu mir, ich will Dir was demonstrieren.“ Zögernd ging ich auf Dich zu, so dass Du mich auf Deinen Schoß zogst.

„So, jetzt sitzt Deine Muschi auf meinem Schoß“, sagtest Du und dann wurde mir endlich bewusst, was Du meintest.

„Das darf wirklich nicht wahr sein!“, erklärte ich erbost, „Ich suche mein Kätzchen, und Du meinst …“

„Dein Kätzchen, genauso wie Du“, vollendetest Du den Satz für mich.

„Du willst also im Ernst sagen, dass mein süßes, kleines, schnurrendes, anschmiegsames, manchmal ein wenig Krallen zeigendes Kätzchen genauso ist, wie …

„Genau das will ich sagen“, unterbrachst Du mich abermals, bevor ich noch das angemessene Wort finden konnte, „Süß, klein, schnurrend, anschmiegsam, manchmal ein wenig Krallen zeigend, das trifft es doch sehr gut.“

„Nein, das trifft es ganz und gar nicht!“, erwiderte ich, nun tatsächlich erbost, „Sie ist wild und unberechenbar und verführerisch und sinnlich und lebendig und stark und mutig, alles andere als meine, kleine süße Muschi. Merkst Du gar nicht wie diskriminierend das ist, indem Du sie so verniedlichst?“

„Das muss ich machen“, erklärtest Du darauf, ernst und gemessen.

„Warum musst Du das?“, fragte ich irritiert, vor allem, da Du mir so rasch und ohne Weiteres zugestimmt hattest.

„Weil sie mir Angst macht, so in ihrer ganzen Kraft und Schönheit“, meintest Du, „So wie sie mich in sich einsaugt und vereinnahmt und festhält, da kann ein Mann schon Angst bekommen. Und indem ich sie so nenne wie eine kleine, süße Katze, fürchte ich mich weniger.“ Und ich war gerade dabei abzuwägen, ob ich das nun gelten lassen sollte oder nicht, als meine Katze von dem Platz, an dem sie sich hinter der Couch versteckt hatte, hervorgekrochen kam. Hurtig sprang sie auf meinen Schoß und schnurrte mich an, offensichtlich Streicheleinheiten fordernd.

„Da bist Du ja, Du Schlingel, Du kleine, süße …“, unvermittelt hielt ich inne, denn plötzlich schwang mit dem Wort, das ich sagen wollte, eine ganz andere Bedeutung mit. Nie wieder würde ich sie so nennen können. Deshalb vollendete ich den Satz sicherheitshalber mit, „Du kleine, süße Lilith.“ Denn das war ihr Name. Und eigentlich sollten wir die Lebewesen um uns bei ihrem richtigen Namen nennen, nicht verniedlichen und damit herabwürdigen, sondern als das Ansprechen, wer sie sind. Und deshalb sagte ich zu meiner Katze fortan nur mehr Lilith und Yoni zu dem, was Du als meine Muschi bezeichnet hattest.

„Yoni, so soll ich sie nennen?“, fragest Du irritiert, „Das ist doch so nichtssagend und so ganz und gar nicht anregend“, versuchtest Du dagegen zu halten. Aber das ließ ich nicht gelten, und letztlich sind in den entscheidenden Momenten, da Du und ich ihre Gaben genießen, Worte sowieso überflüssig.

2 Gedanken zu “Wo ist meine Muschi?

  1. oma99 sagt:

    zuerst dachte ich – oh nein, jetzt kramt sie diese alte Kamelle aus und war schon, früh morgens und noch nicht ganz wach, dabei weiter zu klicken. dann sagte eine innere Stimme mir aber: Nein, das ist garantiert nicht einfach eine alte Kamelle, lies einfach einmal. Was ich dann gerade getan habe.

    Wie Du diese Uralt-Kamelle verwendet hast um essentielle Wahrheiten auszudrücken ist klug, gekonnt und ja, typisch für Deine Novellen – genau deshalb mag ich so gerne hier lesen. es Kommt immer etwas rüber. Etwas zum Nachdenken, festzustellen, das man ebenso empfindet und immer wieder eine große Befriedigung, nicht alleine mit den eigenen Gedanken und Themen zu sein.

    zum Abschluß: Ja, das Wort Muschi verwende ich auch nicht mehr, naja fast nicht mehr – hin und wieder läuft mir ein kleiner Möchtegern-Macho über den Weg und den führe ich ohne großen Aufwand mittels dieses kleinen Wortes auf’s Glatteis. Und nein, ich fange ihn nicht auf, er soll dann auch auf die Nase fallen. da kann ich arg gemein sein – bei Machos.

    Herzlichen Dank für Deinen Text, ich habe ihn genossen *smile*

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    1. novels4utoo sagt:

      Vielen lieben Dank, das freut mich sehr. Und ja, lassen wir sie auf die Nase fallen. Anders lernen sie es nicht.

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