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Life is too short for boring stories

Sophie Wehling war wütend, so wütend, wie sie es schon seit langer Zeit nicht mehr gewesen war. Mit dieser Wut bewaffnet stürmte sie in die Villa von Dr. Karl Anger, seines Zeichens Rechtsanwalt und Vater von Ralph. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie vielleicht Spuren auf dem sündhaft teuren Carrara-Marmor, mit dem die Vorhalle ausgelegt war, hinterlassen könnte, durchschritt sie dieselbe und steuerte direkt die einzig verschlossene Türe an, die sich im Erdgeschoss befand. Ihr Instinkt hatte sie nicht getrogen. Hinter der Türe befand sich tatsächlich das Arbeitszimmer des Herrn Anwalt, der gerade seiner Sekretärin einen Brief diktierte, die auf seinem Schoß saß, während er die Hände über ihre Schenkel wandern ließ. Erschrocken fuhr diese auf, als so unerwartet die Türe aufgerissen wurde. Rasch packte sie ihre Sachen zusammen und verließ mit Trippelschrittchen und hochrotem Kopf das Büro.

„Du wirst Dich auch nie ändern!“, sagte Sophie kopfschüttelnd.

„Genau so wenig wie Du! Was willst Du?“, gab der Angesprochene knapp zurück.

„Ich will, dass Du das lässt, Leo zu verklagen“, erwiderte Sophie ebenso knapp.

„Was? Wen?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Verklagst Du so viele Leute, dass Du gar nicht mehr weißt was Du tust?“, meinte sie schnippisch, „Ich meine Leonore Schwan, die Mitschülerin Deines Sohnes.“

„Die, die ihn tätlich angegriffen und seine Fußballkarriere zerstört hat?“, entgegnete er, ganz im Tonfall des gekränkten Vaters.

„So hat er Dir also die Geschichte erzählt?“, schnaubte sie, „Dann werde ich Dir mal erzählen wie es wirklich war. Dein lieber Sohn wollte das Ferkel meiner Tochter mitsamt dem Körbchen wie einen Fußball wegtreten. Da hat sich die tapfere Leo dazwischengeworfen. Und dabei kam es zu diesem Kollateralschaden.“

„Das ist völlig irrelevant. Fakt ist, dass mein Sohn nun drei Monate nicht spielen kann und deshalb sein Aufstieg zum Fußballprofi gefährdet ist“, meinte er, beinahe trotzig.

„Erstens einmal ist es mit den Fußballkünsten Deines Sohnes, nach dem was ich gehört habe, nicht unbedingt weit her“, erläuterte sie eloquent, „Zweitens bin ich mir gar nicht sicher, ob er das wirklich will oder ob er das nicht nur macht um Deine Aufmerksamkeit zu bekommen, weil er Deine Träume verwirklicht.“

„So ein Unsinn“, entfuhr es ihm unwillkürlich.

„Wann hast Du denn je Zeit für Deinen Sohn gehabt? Weißt Du was er denkt oder fühlt?“, appellierte sie an sein Gewissen.

„Na ja, es gibt halt viel zu tun, und das da muss auch finanziert werden“, und damit wies er auf das prächtige Ambiente, das ihn umgab.

„Und Du meinst, das ist ein Ausgleich für die Zeit, die Du für ihn nicht hast? Meinst Du nicht, dass andere Dinge wichtiger sind?“, hakte sie unerbittlich nach, „Wo nur ist der Mensch geblieben, der genau gegen das gekämpft hat, was Du jetzt verkörperst? Wo ist der Mann geblieben, der sich für die Schwachen eingesetzt hat und den ich dafür so bewundert habe?“

„Aber geheiratet hast Du dann doch den anderen, diesen, diesen Bauern“, entfuhr es ihm.

„Ja, weil Du Dich verändert hattest. Zu Beginn Deines Studiums meintest Du, Du würdest Jus studieren, um Dich für die Entrechteten einzusetzen. Davon ist nichts übriggeblieben. Ganz im Gegenteil, jetzt gehst Du auf sie los“, erklärte sie, „Aber wenn Du einmal noch was richtig machen willst, dann lässt Du diese Klage sein.“

„Sie hat recht“, drang eine Stimme von der Türe zu ihnen, noch bevor Karl die Möglichkeit hatte zu antworten. Überrascht wandten sich die beiden zu dieser um. Ralph stand da. Im selben Moment wussten sie, dass er ihr ganzes Gespräch mitangehört hatte.

„Womit hat sie recht?“, fragte sein Vater erstaunt.

„Dass ich nur Deinetwegen Fußball gespielt habe, aber nicht einmal das hat was verändert, und Du hast genauso wenig Zeit wie vorher. Und es machte mich so unsagbar wütend, dass dieses Ferkel mehr Aufmerksamkeit bekam als ich. Das muss man sich mal vorstellen, ein Schwein“, erklärte er, fast trotzig, „Das ändert aber nichts daran, dass es falsch war, was ich getan habe. Und solltest Du nach wie vor der Meinung sein, dass Du Leo verklagen möchtest, nur zu. Aber ich werde dann aussagen, dass es meine Schuld war.“ Sprachs und humpelte davon.

„Wo willst Du hin?“, rief ihm sein Vater nach, „Du kannst doch nicht einfach so davonlaufen!“ Statt einer Antwort hörten sie wie die Türe scheppernd ins Schloss fiel.

„Wie Du siehst kann er, zwar nicht laufen, aber davonhumpeln“, meinte Sophie nachdenklich, „Offensichtlich hat der Sohn mehr Rückgrat als sein Vater.“

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