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Life is too short for boring stories

Pippa saß in der Wiese und ließ sich von der Sommersonne wärmen. Warum auch nicht? Nur noch wenige Tage trennten sie von den Sommerferien, so dass sie das Leben in vollen Zügen genießen konnte. Neben ihr lag ein Buch aufgeschlagen in der Wiese, doch sie hatte es beiseitegelegt, um dort weiterzuträumen, wo sie aufgehört hatte zu lesen, während ihr lockiges rotes Haar, wie immer, wild von ihrem Kopf abstand. Nicht nur den Namen, der in seiner vollen Länge Pippilotta lautete, hatte sie mit ihrem literarischen Vorbild, der Heldin der Kindertage ihrer Mutter, und wohl auch darüber hinaus, gemeinsam, nur, dass sie sich nicht Pippi, sondern Pippa nennen ließ. Das klang weniger niedlich. Und wenn Pippa vieles war, niedlich war sie nicht. Das war Astrid Lindgrens Heldin zwar auch nicht, aber das i am Ende des Namens schien es anzudeuten. Deshalb nannte sich das rothaarige Mädchen mit den Sommersprossen Pippa. Darüber hinaus war sie gleichermaßen aufmüpfig, rebellisch und selbstbewusst. Nichts schien sie unterzukriegen. Es hatte sie schon einige Kämpfe gekostet. Andere hätten es hingenommen und gut sein lassen. Nicht aber Pippa, die für das einstand, was ihr wichtig war und für die, die sich nicht wehren konnten. Doch an diesem warmen Sommersonnentag träumte sie vor sich hin, während ihre Hand den warmen, weichen Bauch von Liselotte kraulte.

Pippa und Liselotte waren ein Team, seit sie zusammenlebten. Lilly war vor zwei Jahren auf die Welt gekommen. Auf ihrem kleinen Bauernhof, den Pippa gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern, bewohnte, hatten sie sechs Sauen als Mitbewohnerinnen, neben einigen Kaninchen, Hühnern und Gänsen. Doch Pippa liebte vor allem die Schweine, und am besten verstand sie sich mit Lilly. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil die Mutter von Lilly bei der Geburt verstorben war und Pippa die Aufgabe zugesprochen bekommen hatte, das kleine Bündel Leben mit der Flasche aufzuziehen. Das war auch der Grund warum sie jetzt sechs Schweine hielten. Es waren eben jene sechs, die es geschafft hatten, trotz der widrigen Umstände zu überleben. Hochsensible, aufmerksame und zugewandte Tiere waren das, wie Pippa sehr schnell herausfand, ohne dafür großartige wissenschaftliche Studien zu benötigen. Schließlich erlebte sie es Tag für Tag aufs Neue. Es war nicht so, dass sie eines dieser Mitgeschöpfe bevorzugen wollte oder für sie eines mehr wert gewesen wäre als das andere, aber die besondere Nähe, die sich von Anfang an aufgebaut hatte, blieb bestehen. Wenn Pippa aus der Schule nach Hause kam, stand Lilly bereits am Tor und erwartete sie. Dann tollten sie miteinander über die Weide, spielten und hatten Spaß. Und manchmal, so an diesem Tag, lagen sie einfach nur auf der Wiese und ließen sich sonnen. Lillys Bauch war jetzt besonders weich. Bald würde sie zum ersten Mal gebären. Sehr bald sogar.

„Drei Monate, drei Wochen und einen Tag dauert die Trächtigkeit bei Schweinen“, hatte der Tierarzt, Dr. Leopold Wagenscheidt, zu Pippa gesagt.

„Warum sagst Du Trächtigkeit und nicht Schwangerschaft?“, hatte Pippa gefragt, die sich sicher war, dass es keinen Unterschied zwischen Schweinen und Menschen gab, außer dem Aussehen, aber sicher keinen in der Wertigkeit. Und irgendwie klang für sie das Wort „Trächtigkeit“ abwertend, als wäre es nicht dasselbe wie die „Schwangerschaft“ bei Menschen. Jeder andere hätte wohl geantwortet, dass man das ebenso sage. Das sei der Sprachgebrauch, doch Dr. Wagenscheidt war eben nicht jeder.

„Interessant, dass Du das fragst“, erklärte er rundheraus, „Ich habe darüber noch nie nachgedacht, doch jetzt, wo Du es sagst, erscheint es mir auch unsinnig. Du wirst sehen, dieses Mädchen hier wird sich genauso auf ihre Babies freuen, wie jede andere Mutter. Sie wird sie sauber lecken. Das ist übrigens ein Unterschied zu den Menschen. Und sie wird sie versorgen, mit aller Liebe und Fürsorge, wie auch Menschenmütter. Es gibt keinen Unterschied.“

Mittlerweile waren drei Monate und drei Wochen vergangen, und Lilly lag nach wie vor völlig entspannt im Gras. Natürlich hatte sie für sich und ihre Kleinen in einer Ecke des Stalls ein Nest gebaut. Alles war bereit. Sie mussten nur noch kommen. Drei Monate und drei Wochen, seitdem der Eber hier gewesen war, so war ihr zumindest gesagt worden. Natürlich glaubte Pippa nicht mehr an das Märchen, dass Eber einfach so auf Besuch kommen, wenn sie durch das Dorf laufen, denn das hätte sie bemerkt, wenn männliche Schweine das täten, aber sie hatte lange geglaubt, dass zumindest ein Eber gebracht wurde, der der Vater der Kleinen sein würde. Bis sie eines Besseren belehrt wurde.

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