Ein Ring erstickt den Feminismus

Lisa ist frisch verliebt. Daran gibt es nichts auszusetzen. Ehrenrührig ist es schon gar nicht. Aber zumindest sonderbar. Nachdem ich Lisa meine engste Freundin nennen darf, kann ich das durchaus beurteilen. Doch nicht nur Lisa passiert es. Wahrscheinlich gibt es keine Frau auf der Welt, die davon verschont bleibt. Bisher hat es mich amüsiert, wo es mich doch traurig stimmen sollte. Es ist immer das Gleiche. Es beginnt mit der Verliebtheit. Nein, um das Phänomen wirklich verstehen zu können, muss ich weiter ausholen. Denn die Ausgangssituation spielt durchaus eine Rolle.

Es gibt Frauen – und selbst das ist weder zu bemängeln noch ehrenrührig -, die sich darin gefallen, so etwas zu sein, was ich ein Frauchen nennen würde. Mit aller Offenheit stehen sie dazu, dass sie sich nichts anderem widmen wollen, als sich hübsch zu machen, über Diäten und Mode zu sprechen, und ansonsten so schnell wie möglich unter die Haube kommen wollen, wie man so schön sagt. Feminismus halten sie für Humbug. Nicht einmal was der Ausdruck, jemand kommt unter die Haube, bedeutet, wollen sie wissen. Der Ring am Finger ist schlicht und ergreifend ihr Lebensziel, ihre Daseinsberechtigung.

 

Doch Lisa war keine von diesen Frauchen. Vehement setzte sie sich für die Rechte der Frauen, gleiche Löhne für gleiche Arbeit, gleiche Zugangsmöglichkeiten zu höheren Posten, und was da noch für Anliegen sein mögen, ein. Ganz im Sinne von Virginia Woolf hatte sie sich ihr Zimmer eingerichtet. Ein Zimmer für sie alleine. Es spiegelte ihre Persönlichkeit, ihre Werte, ihre Einstellung und ihre Aufgabe unverfälscht wider. Bis zu dem Tag, an dem sie sich verliebte.

 

Mit einem Mal, und als hätte es niemals ein Gestern gegeben, räumte sie die Hälfte ihres Zimmers frei und zerrte den Angebeteten hinein. Nicht nur freiwillig, im vorauseilenden Gehorsam lässt sie ihn ein, gibt ihr Zimmer auf, ihren Rückzugsort, ihr Selbst. Mit einem Mal spricht sie über nichts anderes, kennt sie nichts anderes, interessiert sie nichts anderes als ihn. Wenn ich das Gespräch auf das zu lenken versuche, wofür wir uns früher einsetzten, dann werden ihre Augen groß, und sie scheint nicht zu wissen wovon ich rede. Von da an geht alles seinen Gang, scheinbar unausweichlich. Lisa will heiraten. Sie wird heiraten. Lisa will Kinder. Sie wird Kinder bekommen. Er spielt mit. Vielleicht will er es auch. Dann sind sie verheiratet, arbeiten, kümmern sich um die Kinder.

 

Was passiert mit Lisa? Sie mutiert über die Jahre zu einem zickigen, geifernden, kontrollsüchtigen Drachen. Nichts was ihr Mann tut oder sagt, selbst wenn dieses Tun oder Sagen in Nichts-Tun oder Nichts-Sagen besteht, ist ihr recht. Sie pocht auf ihre Eigentumsrechte und verfolgt jede andere Frau, die den Fehler hat Augen ihr Eigen zu nennen und diese zu benutzen, mit Ingrimm und Verbitterung. Eigentlich genau die Situation, gegen die Lisa immer gewettert hat. Doch kaum taucht ein Mann auf, ist sie bereit alles über Bord zu werfen, was sie bis dahin für richtig und wichtig gehalten hatte. Ihre Selbstbestimmtheit, ihre Würde, ihre Freiheit, ihre Entwicklung, ihr Leben, und das ohne, dass es jemand von ihr verlangt hätte. Dann sitzt sie nur mehr da und schimpft über ihren Mann. Das nennt sich dann Feminismus. Ihre Züge sind verhärmt und hart geworden. Da nützt weder Kosmetik noch Schminke. Schuld daran trägt natürlich er, ihr Mann, der ihr ihr Leben und ihre besten Jahre gestohlen hat. Dabei war sie es selbst, die sich nicht schnell genug aufgeben konnte. Es ist viel leichter jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben, als sich einzugestehen, dass man sich selbst genau dafür entschieden hat, ja dahin drängte. Sie setzt nun alles daran, ihn zu entmannen, damit sie nicht alleine mit ihrer Verstümmelung ist.

 

Ein Zimmer für sich alleine, darüber verfügte Lisa. Mit Kraft und Elan hatte sie es sich eingerichtet. Nicht zu Unrecht war sie stolz auf ihre Errungenschaft. Doch kaum, dass ein Mann in ihr Leben trat, war sie bereit alles aufzugeben.

 

Lisa schwärmt noch immer von ihm, da ich das Lokal verlasse. Ich habe kein Interesse daran das, was nun passiert, mitzuerleben. Es ist so deprimierend. So demütigend. Lisa bemerkt es noch nicht einmal. Wichtig ist nur er. Sonst nichts, so dass sie ihren Verrat nicht bemerkt, ihren Verrat am Feminismus, an allen Mitstreiterinnen, aber vor allem an sich selbst. Dennoch muss ich lächeln. Der Feminismus braucht keine Gegner. Es genügt ein Ring, der ihn dazu bringt sich selbst lächerlich zu machen.

4 Gedanken zu “Ein Ring erstickt den Feminismus

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